Urzeln

Ein Fastnachtsbrauch aus Siebenbürgen – kommt nach Deutschland … und Europa.

 

Zur Geschichte des Handwerkerbrauches der Urzeln

 

  • Agnetheln (Siebenbürgen) bis zur Wende

1689 wurde in Agnetheln zum ersten Mal der „Mummenschanz der Zünfte“ als Vorgänger der Urzeln erwähnt. Die Furcht erregenden Gestalten begleiteten das Ladenforttragen der Gesellenbruderschaften, sie schützten die Lade.

1910 wurden die Gesellenbruderschaften verboten!

1911 beschlossen alle Zünfte in Agnetheln, eine gemeinsame Parade zu organisieren, bei der auch Zunftladen von Männern im Dolman mitgetragen wurden. Die Urzeln beschützten die Parade.

Zwischen 1911 und dem kriegsbedingten Verbot nach 1941 war die Urzelparade Kernpunkt des Urzellaufens, das in dieser Zeit zu einer Festveranstaltung Agnethelns wurde.

Die gewählten Vorstände dieser Zünfte schritten in der Parade in alter Bürgertracht unter der Zunftfahne als Ehrengeleit der Zunft- und Gesellenladen, begleitet von den Handwerksmeistern.

Das politische Tauwetter 1968 in Rumänien führte dazu, dass auch die Politik für die mitwohnenden Nationalitäten gelockert wurde:

1969 durften die Urzeln in Agnetheln ihre Parade wieder aufführen. Die Anzahl der Urzeln stieg bis fast 600 im Jahr 1985.   

Nach dem Massenexodus der Siebenbürger Sachsen 1989/90 blieben nur wenige Sachsen in Agnetheln, die den Urzeltag letztmalig 1990 organisierten.

 

  • Deutschland

1965 zeigten 13 Agnethler Sachsen, als Urzeln verkleidet, zum ersten Mal den Urzelbrauch auf den Sachsenheimer Straßen. 1971 fand die erste kleine Parade in Sachsenheim statt.

1987 wurde die „Urzelnzunft Sachsenheim“ als Vollmitglied in die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte aufgenommen.

 

Es entstanden neue Urzel-Hochburgen, wo eigene Urzeltage organisiert werden/wurden:

  • 1981 Traunreut
  • 1986 Geretsried
  • 1999 Herzogenaurach (bis 2003)
  • 2001 Nürnberg
  • 2004 Weisendorf
  • 2009 Bonn (bis 2014)
  • 2017 Hilpoltstein

und man sich an Umzügen beteiligte. In Franken beteiligen sich die Urzeln auch an den Fastnachtszügen von Wolframs-Eschenbach, Thalmässing, Pleinfeld, Greding.

 

  • Agnetheln (Siebenbürgen) nach der Wende

2006 organisierte der Deutschlehrer Bogdan Pătru (ein Agnethler Rumäne), der den Urzeltag aus seiner Kindheit in schöner Erinnerung hatte, mit seinen Schülern einen Urzellauf durch Agnetheln.  

2007 wurde seine Vision, den Urzeltag neu zu beleben, wahr, als zu Ehren der Europäischen Kulturhauptstadt Hermannstadt rund 40 Urzeln aus Deutschland zu einer gemeinsamen Parade nach Siebenbürgen fuhren und mit den 80 überwiegend rumänischen Urzeln, „Lole“ genannt, zusammen zwei Urzeltage in Hermannstadt und Agnetheln verbrachten.

2008, entstand in Agnetheln der Verein „Breasla lolelor“ (Urzelnzunft), der sich satzungsgemäß der Pflege des sächsischen Urzelbrauches widmet. Die „Lole“ sind in Parten organisiert, die sich, wie früher auch, durch ihre Partenzeichen erkennen und definieren.

2011 wurde das Jubiläum 100 Jahre Urzelparade auf Einladung der Agnethler Urzelnzunft „Breasla lolelor“ mit Urzeln aus Deutschland in Hermannstadt, Großschenk, Marpod und Agnetheln gefeiert, ein Impuls, der dazu führte, dass der Urzelbrauch „Narrenwagen“ in Großschenk auch wiederbelebt wurde. Alle drei Urzelparaden wurden auch von Experten von Museen aus Italien und Polen begleitet, die im Rahmen des EU-Projektes Carnival King of Europe, das sich mit Fastnachtsbräuchen beschäftigt, den Urzelbrauch in Rumänien erforschten und alle Veranstaltungen der Urzeln gefilmt haben. Siehe carnivalkingofeurope.

2015 beteiligten sich – auf Einladung der Urzeln in Franken – 40 Lole aus Agnetheln beim Nürnberger Fastnachtszug.

2017 wurde der 10. Geburtstag der Agnethler Urzelnzunft „Breasla lolelor“ mit vielen Urzeln aus Deutschland gefeiert. Die Urzeln und lole liefen und feierten gemeinsam in Agnetheln, Hermannstadt und Großschenk.

 

Doris Hutter

Mai 2018

                   

 

 

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